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Artikelnummer: 11030608
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KINDLICHES TRAUMA DURCH SINGSPIEL?
Ein Kind, das mit seinem Vater an einem Zeltlager teilgenommen hatte, verklagte erfolglos den Zeltlagerveranstalter. Der damals siebenjährige Kläger behauptete durch ein pädagogisch nicht vertretbares Singspiel ein schweres Trauma erlitten zu haben. Nach Auffassung des Gerichts war der Eintritt eines Traumas durch das Singspiel für die Verantwortlichen des Zeltlagers jedenfalls nicht vorhersehbar.
Der minderjährige Kläger, der durch seine Eltern vertreten wurde, wollte vom Veranstalter eines Zeltlagers, an dem er mit seinem Vater teilgenommen hatte, Schmerzensgeld in Höhe von mindestens 5.000,00 Euro einklagen. Das klagende Kind behauptete, ein Singspiel, bei dem sein Vater mitgewirkt hatte, habe bei ihm ein schweres Trauma ausgelöst. Im Rahmen dieses Singspiels wurde der Vater des Klägers von einem Mädchen mittels „Fingerpistole“ schauspielerisch erschossen. Der Kläger und seine Eltern vertraten die Ansicht, dass er dadurch ganz erhebliche psychische Beeinträchtigungen erlitten habe. Der Zeltlagerveranstalter verteidigte sich damit, dass das Singspiel seit Jahrzehnten ohne gesundheitliche Beeinträchtigung für Teilnehmer oder Zuschauer aufgeführt werden konnte. Auch hätten die anderen Teilnehmer am Zeltlager nach dem Singspiel weder am Kläger noch an seinem Vater eine nachteilige Veränderung feststellen können. Das Landgericht Coburg wies die Klage ab, weil es ein Verschulden hinsichtlich der Verantwortlichen des Singspiels nicht erkennen konnte. Für ein Verschulden sei es erforderlich, dass die Verantwortlichen die Gefahr eines Traumas bei einem Siebenjährigen durch das Singspiel erkennen können. Dies hat das Gericht unter Berücksichtigung der Einzelheiten des Falles bei dem über viele Jahre beanstandungsfrei aufgeführten Singspiels verneint. Mangels Verschulden wurde die Klage auf Schmerzensgeld abgewiesen. Auf die Frage, ob das Kind tatsächlich eine posttraumatische Belastungsstörung erlitten hatte, kam es nicht mehr an. Im Rahmen der von den Eltern geführten Berufung machte das Oberlandesgericht Bamberg deutlich, bei Kindern im Alter von sieben Jahren könne vorausgesetzt werden, dass sie zwischen Spiel und Realität unterscheiden können. Es müsse nicht damit gerechnet werden, dass ein Kind eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt, wenn ein anderes Kind mit dem Finger den Vater eines anderen Teilnehmers „erschießt“. Auch das Verhalten des Vaters, der am Singspiel mitgewirkt hatte, spreche dafür, dass die behaupteten Auswirkungen nicht vorhersehbar waren.

Quelle: Oberlandesgericht Bamberg - PM 468/11 vom 18.02.2011 von 05.01.2011
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