Bayern / Straßenverkehrsrecht / Versicherungsrecht /
Artikelnummer: 10050712
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ZUR FRAGE, WIEVIEL SCHMERZENSGELD EIN FAHRRADFAHRER BEANSPRUCHEN KANN
Ein Fahrradfahrer wurde bei einem Verkehrsunfall mit einem Pkw verletzt. Die Pkw-Fahrerin war alleine schuld. Zwischen dem Fahrradfahrer und der Haftpflichtversicherung der Pkw-Fahrerin bestanden sehr unterschiedliche Vorstellungen über die Höhe des Schmerzensgeldes. Das Landgericht Coburg hatte die Frage des angemessenen Schmerzensgeldes zu entscheiden.
Der klagende Fahrradfahrer erlitt durch den Unfall offene Wunden am rechten Augenlid, am rechten Unterkiefer und am linken Knie. Weiterhin wurde sein Gebiss verletzt, so dass ein Zahn abbrach und zwei Zähne gelockert wurden. Nach einer ambulanten Behandlung im Krankenhaus musste sich der klagende Fahrradfahrer 10 zahnärztlichen Behandlungen unterziehen, bis die Zahnlücke geschlossen war. Die beklagte Haftpflichtversicherung zahlte vorgerichtlich 3.000 Euro Schmerzensgeld. Der klagende Fahrradfahrer behauptete, er habe über mehrere Wochen Schlafstörungen und Kopfschmerzen als posttraumatische Belastungsstörung erlitten. Im Bereich einer Narbe am Kinn leide er an einwachsenden Barthaaren. Darüber hinaus verspüre er immer noch Schmerzen im linken Knie. Daher forderte er vor dem gerichtlichen Verfahren weiteres Schmerzensgeld in Höhe von 9.500 Euro und erhob dann Klage auf angemessenes Schmerzensgeld, welches er gegenüber dem Gericht mit mindestens weiteren 5.800 Euro bezifferte. Die beklagte Pkw-Fahrerin hielt diese Schmerzensgeldforderung für überzogen. Sie ging davon aus, dass aufgrund eines guten Heilungsverlaufs der klagende Fahrradfahrer lediglich 2 bis 3 Wochen Schmerzen habe erleiden müssen. Die gezahlten 3.000 Euro seien für die erlittenen Schmerzen ausreichend. Das Landgericht Coburg gab dem klagenden Fahrradfahrer nur zu einem geringen Teil Recht. Es verurteilte die Haftpflichtversicherung, weitere 1.000 Euro Schmerzensgeld zu bezahlen. Das Landgericht stellte fest, dass der klagende Fahrradfahrer für seine Behauptung zu den erlittenen Schmerzen keinen Beweis angeboten hatte. Die vorgelegten ärztlichen Atteste waren etwa 2 Wochen nach dem Unfallereignis ausgestellt worden oder enthielten keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass die bescheinigten Schmerzen im Zusammenhang mit dem Unfall stehen. Das Gericht vermochte sich lediglich davon zu überzeugen, dass der klagende Fahrradfahrer unter Entzündungen wegen eingewachsener Barthaare im Bereich der Narbe am Kinn leidet. Unter Berücksichtigung der nachgewiesenen unfallbedingten Verletzungen und Beeinträchtigungen hielt das Gericht ein Schmerzensgeld in Höhe von 4.000 Euro für angemessen, um dem klagende Fahrradfahrer ausreichend Ausgleich und Genugtuung zu verschaffen. Daher musste die beklagte Haftpflichtversicherung dem Fahrradfahrer zwar weitere 1.000 Euro Schmerzensgeld zahlen, die Kosten des gerichtlichen Verfahrens musste aber ganz überwiegend der klagende Fahrradfahrer tragen.

Quelle: Landgericht Coburg PM Nr. 443/10 vom 27.04.2010 von 11.11.2009
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